Die Zeit, 12/2003

Gern hätte Ed Stuhler die Verruchte selbst befragt. Jedoch beschied sie ihn aus Chile, sie sehe keinen Sinn darin, mit Schreibern zu reden, „deren Absicht letztlich nur darin besteht, den Feldzug gegen den Sozialismus fortzusetzen“. Stuhler, trocken: „Was nicht meine Absicht war.“ In der Tat: Manchen Leser mag dieses Buch als Enthexung der M.H. befremden, gipfelnd in der herzhaften These, Finnland sei Sieger von Pisa geworden, weil es die polytechnische Schulform der DDR übernommen habe.
Schon auf der ersten Seite reklamiert Stuhler für seine DDR-Vita „eine Schulzeit wie anderswo auch“. Erfreulicherweise mündet dieser Befund nirgends in eine Apologie des Dogmatismus, an dem der SED-Staat moralisch zugrunde ging.
Frau Honecker, verlautet aus Chile, werde ihr Schweigen vielleicht doch noch brechen. Leider ist man darauf nicht sehr gespannt, es sei denn, ihr Sprechen enthielte, worum Ed Stuhlers freigeistiges Buch sich bemüht: Mut zur Ambivalenz.
Christoph Dieckmann

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